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Orikadabra — eine Sommernachtsüberraschung
Birgit Elke Schumacher, Oldenburg
Die rechte Hand schlendert auf die Bühne, strect sich, richtet sich auf im Handgelenk und erstarrt. Alle fünf fingerspitzen scheinen mit Erstaunen das Publikum wahrzunehmen. Dann trippelt sie zur anderen Seite der Bühne, versucht, die linke Hand herauszulocken. Diese kriecht aus dem schwarzen Ärmel heraus, dreht sich kurz zum Publikum und verkriecht sich wieder, will nicht herauskommen. Die Rechte zerrt nun an ihr, ohne Erfolg, die linke Hand bleibt versteckt. In det Mitte der Bühne steht eine schwarze Box. Die Rechte holt ein Papierquadrat heraus und wedelt in die Richtung der Linken. Neugierig zeigt sich erst ein Finger, schließlichspringt auch die linke Hand auf die Bühne und das Falten kann beginnen.
Die begleitende Musik, die dazu erklingt, gibt schon einen Hinweis darauf, wohin die Reise geht. Am Ende der Musik aus dem Ballet Schwanensee von Tschaikowski schwimmt eine graziöser Schwan über die Bhühne, der sogar seinen schlanken Hals biegt, und sich dem Publikum zuwendet, wirklich eine verzauberte Schwanenprinzessin. Es entstehen Hunde, Schmetterlinge, Blumen, eine Maus, die prompt in die Mausefalle gerät.
Zu den Händen gehört Marieke de Hoop, die ganz in Schwarz auf einem Stul sitzt, auf ihrem Schoß den Theaterkasten, die Orikadabra Zauberbühne. Zwanzig Jahre hat dieser Kasten schon auf dem Buckel und viele Reisen in die ganze Welt mitgemacht. Er ist so groß oder klein, dass er auch als Handgepäk im Flugzeug mitkommt. Zum Theater gehört dann noch ein weiterer Stuhl, für das Publikum und dieser Stul ist golden. Immer wieder wird jemand eingeladen, dort Platz zu nehmen. Wir anderen verfolgen von den Rängen aus das Schauspiel. Narürlich werden die Ehrengäste eingeladen, auf dem goldenen Stuhl Platz zu nehmen.
Für David Lister, englisher Gentleman und Origamihistoriker, hat Marieke sich etwas ganz besonderes ausgedacht, eine ganz frische Inszenierung, Welturaufführung, sozusagen. Wie kann man jemanden überraschen, der ein so umfassendes Wissen über die verschiedensten Wege des Origami in der ganzen Welt hat? (Nebenbei: in seinem Kurzvortrag, den David in Bonn hielt, sprach er über neue Beweise für das Papierfalten im 14. Jahrhundert in Europa. Das ist lange vor den ersten Zeugnissen in Japan.) Marieke jedenfalls verspricht David etwas, was er noch nicht gesehen hat.
Die Bühne öffnet sich und japanischer Bambusflütenmusik erklingt. Die Hände fassen ein Blatt Papier, nein, da ist ja kein Blatt! Und sie falten - dieses Nichts. Gespannt verfolgen wir den Tanz der Hände. Die Musik kommt zum Ende, das „Objekt” ist fertig und flattert davon. Dann wiederholt Marieke alles mit einem Blatt Papier, ein Kranich wird sichtbar. Auf dem Papier ein Gedicht in japanischer Haikuform (5-7-5 Silben) über dem Kranich.
Marieke hat David und uns alle mit Zen-Papierfalten überrascht! Die Erscheinungen sind leer, wie ein Blatt Papier. Zen vermittelt diese Einsicht ohne Worte oder mit merkwürdigen Rätseln. Frage den nächsten Dharma Lehrer und Du wirst es vielleicht in sieben Jahren verstehen. Zenmahlerei kommt mit nur einem Pinselstrich aus, und da man zum Falten nur Papier und Hände benötigt, was kann man weglassen, und doch das Wesentliche zeigen? Wohl nur das Papier, erklärt Marieke und lächelt uns verschmitzt an.


